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Künstliche Intelligenz ist in der Versicherungswirtschaft längst kein Innovationsthema mehr. Sie entwickelt sich zunehmend zum neuen Betriebssystem der Branche.

In ganz Europa experimentieren Versicherer mit Copilots, Chatbots, generativen KI-Modellen und Automatisierungslösungen. Dennoch gelingt es vielen Organisationen nicht, isolierte Innovationsinitiativen in strukturelle Leistungsverbesserungen zu überführen. Das Ergebnis ist Aktivität ohne unternehmensweiten Impact.

Die eigentliche Herausforderung liegt nicht länger im Experimentieren. Sie besteht darin, KI über sämtliche Geschäftsbereiche hinweg so zu skalieren, dass sie ökonomisch wirksam, operativ verankert und regulatorisch belastbar ist.

Das zentrale Branchenproblem: KI als Sammlung isolierter Werkzeuge

Die meisten Versicherer verfolgen einen taktischen Ansatz beim Einsatz von KI:

  • Ein Chatbot im Kundenservice
  • OCR in der Schadenbearbeitung
  • Ein Betrugsmodell in der Risikoprüfung
  • Ein Produktivitätsassistent in der IT

Jeder Anwendungsfall optimiert lokal. Nur wenige Organisationen gestalten ganze Fachdomänen ganzheitlich neu.

Ohne domänengetriebene Integration bleibt KI ein Effizienzhebel anstelle eines Transformationsmotors. Gleichzeitig steigen die Kundenerwartungen weiter an. Versicherte vergleichen Versicherer nicht mehr mit Wettbewerbern, sondern mit digital-nativen Plattformen, die Echtzeit-Services und KI-gestützte Personalisierung bieten.

Die strukturellen Konsequenzen fragmentierter KI

Eine fragmentierte Einführung von KI erhöht nicht nur die architektonische Komplexität – sie begrenzt auch die strukturelle Wertschöpfung. Wenn Risikoprüfungs-Intelligenz nicht systematisch mit Schadenserfahrungen verknüpft wird, bleiben Lerneffekte partiell. Wenn konversationelle KI ohne Integration in zentrale Policen- und Bestandssysteme operiert, bleiben Customer Journeys inkonsistent. Wenn Produktivitätswerkzeuge ohne Neugestaltung der zugrunde liegenden Workflows implementiert werden, bleiben Betriebsmodelle im Kern unverändert.

Das Ergebnis ist lokale Optimierung statt unternehmensweiter Hebelwirkung. KI erzeugt Aktivität, jedoch keine operativen Skalierungseffekte.

Von Werkzeugen zu KI-augmentierten Domänen

Ein KI-nativer Versicherer implementiert nicht lediglich Modelle in bestehende Strukturen; er gestaltet Fachdomänen rund um augmentierte Workflows neu.

Die Risikoprüfung wird durch eingebettete Risiko-Intelligenz unterstützt, die strukturierte und unstrukturierte Daten in Echtzeit synthetisiert. Schadenfunktionen integrieren Triage-Engines, die Priorisierung und Dokumentationsprozesse unterstützen. Vertriebsteams arbeiten mit kontextuellen Copilots, die während der Kundeninteraktion Empfehlungen bereitstellen. Governance-Funktionen überwachen kontinuierlich das Modellverhalten sowie definierte Eskalationsschwellen.

KI-Wirkung auf Domänenebene über Versicherungssparten hinweg

Nachhaltiger Wettbewerbsvorteil entsteht nicht durch eine einzelne KI-Technologie. Er resultiert aus der Kombination prädiktiver Modelle, Entscheidungsintelligenz, kognitiver Automatisierung und generativer Systeme mit den jeweiligen Versicherungssparten.

Lebensversicherung

Die Lebensversicherung vereint strukturierte versicherungsmathematische Daten mit umfangreicher unstrukturierter Dokumentation.

Die Wirkung von KI erstreckt sich über mehrere Ebenen:

  • Prädiktive Risikomodelle für Mortalität und Stornoverhalten
  • Machine-Learning-basierte Segmentierung in Risikoprüfung
  • NLP-gestützte Synthese medizinischer Dokumentation
  • Automatisierte Dokumentenprüfung und Betrugserkennung
  • Generative Systeme zur Erstellung individualisierter Versicherungsangebote
  • Berater-Copilots zur Unterstützung komplexer Kundengespräche

Hier wirken prädiktive Präzision und generative Augmentierung zusammen. Ziel ist nicht allein Automatisierung, sondern eine verbesserte Risikoprüfungs-Qualität sowie eine höhere Effektivität der Beratung.

Krankenversicherung

Die Krankenversicherung erfordert Entscheidungsunterstützung in Echtzeit sowie eine strikte regulatorische Compliance.

Zu den KI-Fähigkeiten zählen:

  • Prädiktive Modelle zur Identifikation von Hochrisikopopulationen
  • Anomalieerkennung in Schadenmustern
  • Computer Vision zur Validierung medizinischer Dokumentation
  • NLP-Engines zur Unterstützung von Vorabgenehmigungsprozessen
  • Konversationelle KI für die Interaktion mit Leistungserbringenden und Versicherungsnehmenden

In diesem Umfeld sind Erklärbarkeit und Auditierbarkeit ebenso entscheidend wie Leistungsfähigkeit. KI muss auf Transparenz hin konzipiert werden.

Gewerbliche SHUK-Versicherung

Die Risikoprüfung in der gewerblichen SHUK-Versicherung erfordert die Interpretation technischer Gutachten, Standortbesichtigungen, Satellitenbilder sowie komplexer vertraglicher Strukturen.

KI erweitert diese Fähigkeiten durch:

  • Szenariobasierte Katastrophenmodellierung
  • Portfolio-Optimierungsalgorithmen
  • Geodatenanalytik und Interpretation von Satellitenbildern
  • Automatisierte Synthese technischer Berichte
  • Betrugserkennung und Modellierung von Rückversicherungsregressen

Prädiktive Intelligenz stärkt die Risikoprüfungs-Disziplin, während generative Systeme Dokumentation und Reporting beschleunigen.

Private SHUK-Versicherung

Die private SHUK-Versicherung ist durch hohe Volumina und standardisierbare Workflows gekennzeichnet.

Zu den KI-Anwendungen gehören:

  • Dynamische Preismodelle
  • Echtzeit-Betrugsscoring
  • Verhaltensbasierte Risikosegmentierung
  • Automatisierte FNOL-Klassifikation (First Notice of Loss)
  • Prognose der Schadenkomplexität
  • Konversationelle und generative KI für die Kundeninteraktion

Hier sind Skalierung und Automatisierungseffizienz die entscheidenden Erfolgsfaktoren.

KI sicher skalieren: Engineering vor Algorithmen

Europäische Versicherer agieren unter den regulatorischen Rahmenbedingungen von GDPR, DORA, Solvency II, IFRS 9/17 sowie zunehmend dem EU AI Act und regionalen Anforderungen an Datensouveränität.

Die Skalierung von KI erfordert drei gezielt konzipierte Fundamentbausteine:

KI-fähige Datenarchitektur

Fragmentierte Altsysteme und inkonsistente Daten bremsen jede KI-Skalierung. Versicherer benötigen vereinheitlichte domänenspezifische Datenmodelle, strukturierte und unstrukturierte Ingestion-Pipelines, semantische Schichten sowie klar geregelte Zugriffsmuster.

Die Leistungsfähigkeit von KI hängt weniger von der Modellkomplexität ab als von der Integrität der zugrunde liegenden Architektur.

Ein stabiles Fundament für erfolgreiches KI-Enabling entsteht vor allem durch eine belastbare Datenbasis und klar definierte Standards. Der Transformationsprozess hin zu einem KI-getriebenen Unternehmen ist dabei eine zentrale Chance, Datenquellen zu konsolidieren, Datenqualität und Verantwortlichkeiten zu schärfen sowie einheitliche Schnittstellen und Governance-Strukturen zu etablieren. Das „Glattziehen“ der Datenbasis verbessert nicht nur die Effizienz in den Fachbereichen, sondern erhöht auch die Integrationsfähigkeit und Verlässlichkeit von KI-Lösungen – von der Entwicklung über den Betrieb bis zur Skalierung im Unternehmen.

Integrierte Governance & Responsible AI

Versicherungsentscheidungen beeinflussen finanzielle Sicherheit und individuelle Lebenssituationen. Enterprise-taugliche KI muss daher umfassen:

  • Nachvollziehbarkeit von Modell-Outputs
  • Werkzeuge zur Erklärbarkeit
  • Bias-Monitoring innerhalb von MLOps-Pipelines
  • Human-in-the-loop Eskalationsmechanismen

Regulatorische Compliance wird damit zu einem wettbewerbsrelevanten Vertrauensfaktor.

Business-getriebene Transformations-KPIs

KI-Initiativen müssen direkt mit messbarem ökonomischem Impact verknüpft sein:

  • Verbesserung der Combined Ratio
  • Reduktion der Cost-to-Serve
  • Steigerung der Sales-Conversion-Rate
  • Verkürzung der Schaden-Durchlaufzeiten

Modellgenauigkeit ohne P&L-Wirkung ist keine Transformation.

Regulierung als architektonische Leitplanke

Europäische Regulierung – von GDPR über DORA bis EU AI Act – definiert klare Anforderungen an Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Modellvalidierung.

Versicherer, die diese Vorgaben direkt in ihre Architektur integrieren, skalieren nachhaltiger als jene, die Compliance erst nachträglich ergänzen.

Regulierung wird damit zum Designparameter – nicht zum Korrekturinstrument.

Build, Buy oder Partner?

Versicherer sollten differenzierende KI-Fähigkeiten selbst aufbauen – etwa proprietäre Risikoprüfungslogik oder spezifische Risk-Appetite-Modelle. Standardisierte Enabler wie OCR oder Basis-Analytics lassen sich effizient zukaufen. Für komplexe Modernisierungsvorhaben und skalierbares KI-Engineering bietet sich eine Partnerschaft an. an.

Die Entscheidung sollte sich an drei Fragen orientieren:

  • Differenzierungspotenzial – Schafft die Fähigkeit strategische Differenzierung?
  • Komplexität und Integrationstiefe – Wie tief ist die erforderliche Integration in Core-Systeme?
  • Geschwindigkeitsanforderungen – Wie hoch ist der Zeitdruck?

Unabhängig vom Modell müssen Architekturhoheit und Modell-Governance beim Versicherer verbleiben. Langfristige Autonomie ist nicht verhandelbar.

Was es bedeutet, KI-nativ zu werden

KI-native Versicherer gestalten Risikoprüfung, Schadenmanagement, Vertrieb und Bestandsverwaltung konsequent rund um KI-augmentierte Workflows. Mitarbeitende arbeiten dabei mit digitalen Agenten – nicht neben ihnen.

Wer jetzt handelt, setzt neue Leistungsstandards. Wer zögert, konkurriert künftig mit strukturell schnelleren und intelligenteren Betriebsmodellen.

KI ist kein Upgrade, sondern ein struktureller Wandel.

Unsere Perspektive

Bei adesso verbinden wir tiefgehende Versicherungsexpertise mit KI-Engineering-Kompetenz, regulatorischer Souveränität und skalierbaren Delivery-Modellen in ganz Europa. Wir unterstützen Versicherer dabei, den Übergang zu gestalten:

  • Von Pilotprojekten in die produktive Skalierung
  • Von Experimenten hin zu messbarer ökonomischer Wirkung
  • Von isolierten Werkzeugen zu KI-nativen Domänen

Nachhaltige KI-Transformation erfordert strategische Klarheit


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Bild Preetdeepan Pradhan

Autor Preetdeepan Pradhan

Preetdeepan Pradhan ist Managing Consultant in der Business Line Insurance bei adesso SE. Sein Schwerpunkt liegt auf Digitaltransformation, KI-getriebener Transformation, domänenorientierter Modernisierung sowie skalierbaren Betriebsmodellen für europäische und GCC-Versicherer.

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Autor David Porte

David Porte ist Competence Center Lead in der Business Line Insurance bei adesso SE. Sein Fokus liegt auf domänenorientierter Modernisierung, SmartShore-gestützten Delivery-Modellen sowie strategischen Betriebsmodellen für europäische und GCC-Versicherer.

Kategorie:

Branchen

Schlagwörter:

Versicherungen

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