Menschen von oben fotografiert, die an einem Tisch sitzen.

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Noch vor wenigen Jahren hätte man die Frage, welche Berufsgruppen nicht durch Technik abgelöst werden können, beantwortet mit: „die Kreativen“  also beispielsweise Künstlerinnen und Künstler, Designerinnen und Designer oder Autorinnen und Autoren. Lange schienen Kreativität und Maschinen unvereinbar zu sein. Dabei ist Technik bereits seit Jahren, wenn auch unbewusst, ein wichtiger Bestandteil vieler kreativer Prozesse: beginnend mit der Google-Suchanfrage zur Recherche und Inspiration über das Kuratieren von Pinterest-Boards bis hin zur finalen Ausspielung auf Social-Media-Plattformen. Jedoch schien bisher die Künstlerin oder der Künstler als einziges Individuum zum Erschaffen durch Kreativität fähig zu sein.

Die jüngsten Entwicklungen zeigen jedoch, dass auch mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) erstaunliche Ergebnisse entstehen können. Heute sehen wir beinahe täglich neue Tools, die genau das zum Ziel haben: Dinge zu kreieren. Ob Texte, Bilder, Musik, Keywords, Übersetzungen – es gibt augenscheinlich nichts, was nicht bereits von einer KI erledigt werden könnte. Doch wie passt der Mensch in diesen Arbeitsprozess? Was bedeuten diese Entwicklungen für die Kreativbranche? Wir wagen einen Blick in die Glaskugel.

Natürlich ist die Kreativbranche nicht die erste und auch nicht die einzige Branche, die vom Fortschritt der Technik profitiert. So werden im Gesundheitswesen schon längst Diagnosen und Vorhersagen zu Krankheitsverläufen von Expertensystemen gestützt. Im Finanzwesen dient die KI zur Analyse von Anlagestrategien, zur Prognose von Aktienkursen oder zur Automatisierung des Bankwesens. Die Fertigungsindustrie profitiert von Industrierobotern, die monotone Aufgaben schnell und präzise erledigen können. KI sorgt zudem dafür, dass diese Fertigungsmaschinen gesteuert und konstant auf ihre Qualität sowie mögliche Ausfälle hin untersucht werden. Wir sehen, es ist nichts Neues, dass KI in unseren Arbeitsprozessen genutzt wird, und doch schlagen die neusten Entwicklungen Wellen. Warum? Ich vermute unterschiedliche Gründe dafür:

  • 1. Noch nie war es so einfach für die breite Masse mit einer KI zu interagieren und ihr Potenzial zu testen. Machine Learning, neuronales Netz und künstliche Intelligenz waren für die meisten Menschen abstrakte Buzzwords, die sich zwar in vielen Bereichen des Alltags verbargen, jedoch nicht vordergründig bemerkbar waren (Navigation, Sprachassistenten, Musikstreaming, Gesichtserkennung etc.).
  • 2. Bisher wurde KI im beruflichen Kontext meist dazu eingesetzt, bestehende Prozesse zu optimieren, Muster in Daten zu finden, Wissen zu bündeln oder auf andere Weise bestehende Probleme zu lösen. Dall-E, Midjourney, Stable Diffusion und weitere intelligente Bildgeneratoren können jedoch völlig neue, noch nie gesehene Ergebnisse schaffen.
  • 3. Ob Senior Software Developer oder absoluter Technik-Noob: die Stärke, die Präzision und das Verständnis der menschlichen Sprache von Tools wie ChatGPT, Dall-E und Co. faszinieren und machen Spaß beim Ausprobieren. Auch ist die Qualität überraschend gut und meilenweit von dem entfernt, was man früher vom Google-Übersetzer oder manchen Chatbots kannte.
  • 4. Das sichergeglaubte Alleinstellungsmerkmal von der Kreativität des Menschen ist keines mehr. Bei nervigen monotonen Aufgaben wie beispielsweise im Produktionsprozess oder auch bei Dingen, die uns unser Leben im Alltag erleichtern, war die Technik bisher immer ein Segen. Doch nun sehen wir Systeme, die bereits durch kurze Texteingabe Reden, Rezepte oder Codes schreiben und Bilder oder Melodien erstellen. Auch wenn weiterhin menschlicher Input benötigt wird, scheint es nicht mehr viele Hürden zu geben, bevor einige der kreativen Berufsgruppen ernstzunehmende Konkurrenz erwarten müssen.
  • 5. Deutschland liebt Regeln und Gesetze. Umso unheimlicher wirkt der regelrechte Wilde Westen der KI-Systeme. Auch wenn es nicht lange dauern dürfte, bis hierfür gewisse Regularien eingeführt werden, wurde die Nutzung der Anwendungen von unethischen bis hin zu kriminellen Absichten bereits beobachtet. So wurde ChatGPT dazu genutzt, Codes für Malware zu schreiben oder sich das akademische Leben zu vereinfachen. Gewisse Text-zu-Bild-Generatoren ermöglichten die Erstellung gewaltvoller, pornografischer oder diskriminierender Inhalte. Viele der Anwendungen erlauben es, eigene Bilder hochzuladen und diese zu bearbeiten, das führt teilweise zu unrechtmäßiger Nutzung von Bildern Dritter, da es noch keinen Prüfmechanismus gibt.
  • 6. In der Vergangenheit ist Fortschritt häufig aus einem konkreten Problem induktiv entstanden. Die Lösungen einzelner Branchen oder Organisationen wurden dann adaptiert und weiterentwickelt. Nun ist es andersherum und mit KI-Systemen werden uns starke Tools an die Hand gegeben, mit denen ein jeder seinen Bedarf decken kann – wir müssen nur herausfinden, was und wie.

Es gibt immer mehr Potenzial für KI-Tools

Potenzial gibt es jede Menge. So werden insbesondere in der Kreativbranche bereits die unterschiedlichsten KI-Tools genutzt, um den kreativen Prozess zu beschleunigen, indem sie Aufgaben übernehmen, die sonst viel Zeit und Mühe kosten. Beispielsweise können KI-Systeme Bilder oder Videos bearbeiten und optimieren, um sie für die Veröffentlichung in Social-Media oder auf anderen Plattformen fit zu machen. Auch die Erstellung von Musik, Erzeugung visueller Effekte und sogar das Schreiben von Filmen, Büchern oder Spielkonzepten können ausgelagert werden.

Zudem besteht eine Chance darin, kreatives Arbeiten zu vereinfachen. Häufig ist der Anfang besonders schwer. Ob beim Schreiben oder Designen: KI-Tools helfen, die erste Barriere zu durchbrechen und die weiße Oberfläche in kürzester Zeit mit Ideen und ersten Inspirationen zu füllen. Der Output kann dann nach den eigenen Bedürfnissen gestaltet und weiterentwickelt werden. Stable Diffuser – ein Deep-Learning-System  bietet die Möglichkeit, eine grobe Skizze der Userin beziehungsweise des Users zu einem Bild auszuarbeiten, und das kann eine große Hilfe für all diejenigen sein, die zwar eine Vision des Ergebnisses im Kopf haben, jedoch nicht über das Wissen und Können zur Umsetzung verfügen.

Wer Dall-E 2, Midjourney oder auch die eigenen Modelle großer Tech-Unternehmen wie Google ausprobiert hat, weiß, dass es noch viel Luft nach oben gibt und jede Plattform ihre Schwächen hat. Da all die Modelle auf Machine Learning basieren, ist davon auszugehen, dass sie sich kontinuierlich weiterentwickeln und verbessern werden. Eine Designerin oder einen Designer können die Tools vorerst nicht ersetzen. Insbesondere Unternehmen mit einer detaillierten Corporate Identity und breiter Produktpalette profitieren vom Menschen mit seinem Gespür für Feinheiten, Bildsprache und Ästhetik sowie dem vielleicht jahrelang aufgebauten Gefühl für die Brand. Für Ein-Personen-Unternehmen oder Start-ups können die Tools jedoch eine gute Möglichkeit sein, ihre Ideen umzusetzen, ohne das knappe Budget überzustrapazieren.

Ein von DALL-E generiertes Bild mit dem Prompt: „Black & white studio photographic portrait of a suite wearing gorilla showing his college degree to the camera, dramatic backlighting, 1973 photo from Life Magazine”

Ein von DALL-E generiertes Bild mit dem Prompt: „A self portrait of artificial intelligence digital art“

Fazit

Wir dürfen gespannt bleiben, was in den nächsten Jahren noch auf uns zukommt, denn es gibt viel Potenzial zur Verbesserung der KI-Systeme, aber auch zur Anwendung in der Kreativbranche - insbesondere hinsichtlich der Automatisierung zeitfressender Prozesse. Das geltende Recht müsste in Zukunft einer Aktualisierung unterzogen werden, speziell bei den Themen Datenschutz, Urheberrecht und Recht am eigenen Bild.

Schon jetzt entwickeln sich neue Berufsbilder mit Titeln wie Creative Technologist, Creative Coder oder AI Designer. Bei der KI-Biennale wurden beispielsweise Kunstwerke ausgestellt, die mithilfe von KI geschaffen wurden. So gilt in der Kreativbranche wie in allen anderen: Veränderung kann verunsichern, doch ist sie auch gut und wichtig. Die Geschichte hat gezeigt, dass Disruption nicht gleich Vernichtung, sondern Entwicklung bedeutet. Es ist wichtig, zu betonen, dass KI immer noch auf menschliche Anweisungen und Überwachung angewiesen ist und daher eher als Unterstützung für Kreative statt als Konkurrenz zu sehen ist. Es ist somit unwahrscheinlich, dass KI in der Zukunft die Kreativen vollständig ersetzen wird, sie wird vielmehr als Werkzeug dienen, um den kreativen Prozess zu unterstützen und zu beschleunigen.

Bild Janina Radschibajev

Autorin Janina Radschibajev

Durch langjährige Agenturerfahrung im Kreativbereich und als Teil des Social Media Teams der adesso DX, legt Janina ihr Augenmerk auf funktionierende und authentische Social Media Auftritte, fesselnde Texte und eine harmonische Gestaltung. Dabei bringt sie insbesondere wertvolle Insights zur Sichtweise junger Absolventen und deren Anforderungen an die Berufswelt mit.

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