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Bewährte Migrationsmethoden treffen KI-gestützte Analyse – ein Praxisblick auf die Modernisierung von Bestandsführungssystemen in der Versicherungs-IT

Versicherer modernisieren ihre Bestandsführungssysteme, konsolidieren Leistungssysteme, richten Zahlungsverkehr und Provisionsprozesse neu aus und modernisieren ihre Datenplattformen für Analytics und generative KI. Die eigentliche Bremse ist dabei selten die neue Technologie, sondern das Verstehen und Migrieren der vorhandenen Bestandsdaten. Genau hier wird Bestandsmigration zum kritischen Pfad der Transformation.

Dieser Blog-Beitrag zeigt, warum Bestandsmigration in Versicherungen so anspruchsvoll ist, welche Vorgehensweisen sich bewährt haben, und zeigt ein Beispiel, wie ein KI-gestütztes Werkzeug die wesentlichen Engpässe gezielt entschärfen kann.

Nicht nur Systeme sind Legacy – auch die Bestände

Wer Modernisierungsprogramme in der Versicherungs-IT begleitet, kennt das Muster: Das neue Kernsystem ist ausgewählt, Architektur und Betriebsmodell stehen, der Rollout ist geplant. Spätestens dann rückt die Bestandsmigration in den Mittelpunkt.

Denn nicht nur die Altsysteme sind historisch gewachsen. Auch die Bestände selbst tragen jahrzehntelang gewachsene Tarif- und Produktlogiken, implizite Geschäftsregeln und fachliche Sonderfälle in sich. Viele dieser Regeln stecken in Codierungen, Flags, Schlüssellisten oder Verfahren für Beitragsberechnung, Leistungsprüfung oder Storno. Datenstrukturen spiegeln dabei oft gewachsene Kompromisse wider, während Dokumentation lückenhaft oder veraltet ist. Genau an dieser Schnittstelle zwischen gewachsenen Beständen und neuem Zielsystem wird Bestandsmigration fast immer zur Engstelle einer Transformation.

Bestandsmigration ist ein Mehrkampf

Bestandsmigration in Versicherungen ist kein einzelner technischer Schritt, sondern ein Zusammenspiel aus Fachlichkeit, Technik, Organisation und Governance. Typisch sind mehrere Quellsysteme mit unterschiedlichen Datenmodellen für Bestand, Leistung oder Schaden, Provision, Partner und Zahlungsverkehr. Hinzu kommen komplexe Vertragsbestände mit historischen Tarifgenerationen, individuellen Vereinbarungen und Sonderregelungen sowie hohe Anforderungen an Nachvollziehbarkeit, Revisionssicherheit und vertragsscharfe Korrektheit. Gerade in regulierten Umfeldern sind enge Zeitfenster für Umschaltungen ein zusätzlicher Risikofaktor.

Der Erfolg einer Bestandsmigration hängt deshalb vor allem von vier Punkten ab: von der fachlichen Interpretation der Altdaten, einem tragfähigen technischen Migrationsdesign, einem strukturierten Test- und Cutover-Vorgehen und einer Governance, die Audit- und Revisionsanforderungen erfüllt.

Welche Vorgehensweisen sich bewährt haben

In Versicherungsprojekten hat sich ein Vorgehen etabliert, das auf diese fachliche und regulatorische Komplexität zugeschnitten ist.

Ein zentraler Erfolgsfaktor ist die evolutionäre Modernisierung statt eines Big Bang. Bestände werden nicht auf einmal umgestellt, sondern in Stufen, etwa nach Sparten, Produktlinien oder Systemdomänen. Das reduziert Risiken, schafft fachliche Lernschleifen und erlaubt, Erkenntnisse aus frühen Migrationswellen in spätere zu übernehmen.

Ebenso wichtig ist ein phasenorientiertes Vorgehen mit klaren Reifegraden. Erfolgreiche Projekte unterscheiden sauber zwischen Analyse, Konzeption, Migration und Test sowie Cutover und Hypercare. Bewährt haben sich mehrstufige Testläufe, in denen die Migration schrittweise verfeinert wird – von der technischen Migration über Testmigrationen bis zur Generalprobe. So wird der Cutover mit produktionsnahen Daten und Prozessen vor der eigentlichen Umschaltung vollständig durchgespielt.

Revisionssicherheit und klare Rollen von Anfang an

In regulierten Versicherungsunternehmen sind Revisionssicherheit, Nachvollziehbarkeit und Wiederholbarkeit keine nachgelagerten Dokumentationsaufgaben. Sie müssen von Beginn an im Migrationsdesign angelegt sein. Dazu gehören eine saubere Trennung von fachlichem und technischem Migrationskonzept, die durchgängige Protokollierung der Migrationsläufe, wiederholbare Läufe mit klaren Regelwerksständen und eine fachliche Validierung auf Vertrags- und Geschäftsvorfallsebene.

Ebenso entscheidend ist die klare Aufgabenteilung zwischen Fachbereich, IT und Migrationsverantwortlichen. Der Fachbereich verantwortet die fachlichen Regeln der Bestandsmigration, die IT-Architektur, Schnittstellen und Betrieb der Migrationsumgebung, und ein dediziertes Migrations-Team setzt die technische Überführung um. Gerade bei historisch gewachsenen Beständen ist diese Trennung ein wesentlicher Erfolgsfaktor.

Der blinde Fleck: Quellanalyse als Dauerbremse

Selbst wenn Vorgehensmodell, Governance und Werkzeuge stehen, bleibt ein Engpass fast immer bestehen: das Verständnis der fachlich-technischen Struktur der Altdaten. Datenexpertinnen und Data Engineers investieren viel Zeit in explorative Analyse, bevor belastbare Mappings entstehen. Gleichzeitig ist Wissen über Altportfolien häufig personengebunden.

Diese Quellsystem-Analyse ist in vielen Projekten das eigentliche Nadelöhr. Genau hier können KI-gestützte Werkzeuge einen spürbaren Produktivitätsgewinn liefern.

Wo KI in der Bestandsmigration konkret unterstützt

Moderne KI-Werkzeuge ersetzen keine Migrationsmethodik. Sie ergänzen sie dort, wo heute der größte manuelle Aufwand entsteht: beim Verstehen historisch gewachsener Datenstrukturen und beim Aufbau belastbarer Feldzuordnungen zwischen Quell- und Zielsystem.

Hier hat adesso ein KI-Werkzeug entwickelt, das genau an diesen Engpässen ansetzt. Es analysiert Datenbankstrukturen der Altsysteme und erzeugt daraus automatisiert Entity-Relationship-Diagramme (ERDs), Tabellen- und Attributbeschreibungen sowie fachliche Domänenzuordnungen, etwa zu Vertrag, Leistungsfall, Partner oder Zahlung. Dadurch werden Datenstrukturen schneller erschlossen und für den Mapping-Prozess systematisch aufbereitet.


Abbildung 1: KI-Werkzeug zur Unterstützung der Bestandsmigration

Darüber hinaus macht das Werkzeug vorhandene Dokumentation wie Fachkonzepte oder Datenlexika über eine RAG-basierte Suche zentral nutzbar. Fachbereiche und Migrationsverantwortliche können in natürlicher Sprache auf diese Informationen zugreifen, ohne sich durch verstreute Quellen oder Datenbankstrukturen arbeiten zu müssen.

Ein weiterer Hebel liegt in der Vorbereitung von Mapping-Workshops. Auf Basis semantischer Ähnlichkeiten schlägt das Werkzeug Feldzuordnungen zwischen Quell- und Zielmodell vor. Diese Kandidaten werden durch ein Sprachmodell validiert, das jede Zuordnung entlang mehrerer Dimensionen bewertet: semantische Ähnlichkeit, Datentypkompatibilität und Konsistenz mit dem Datenmodell. Das Ergebnis ist ein nachvollziehbarer Konfidenzwert, der transparent macht, warum eine Zuordnung als passend oder unpassend eingestuft wurde.

Im Human-in-the-Loop-Ansatz bewerten Fachleute die Vorschläge, korrigieren, ergänzen oder verwerfen sie; informiert durch die Begründung des Modells, ohne selbst tief in die technischen Details der Quelldatenbank einsteigen zu müssen. Die fachliche Verantwortung bleibt beim Menschen; die KI beschleunigt die Vorarbeit erheblich.

Validierte Feldzuordnungen und Transformationsregeln werden als versionierte Artefakte gespeichert, bilden die Grundlage für die technische Umsetzung und lassen sich in Folge-Workshops weiter verfeinern.

Migrationsmethodik und KI gehören zusammen

Der Mehrwert von KI liegt nicht darin, bewährte Vorgehensweisen zu ersetzen. Phasenorientiertes Vorgehen, evolutionäre Modernisierung, revisionssichere Governance und klare Rollen bleiben die tragende Struktur erfolgreicher Bestandsmigrationen. KI hilft dort, wo heute besonders viel manuelle Analysearbeit anfällt: in der Quellanalyse, bei der Strukturierung von Wissen und in der Vorbereitung belastbarer Feldzuordnungen.

Für Versicherer verschiebt sich damit der Schwerpunkt: weg von personengebundenem Strukturwissen und aufwändiger Vorarbeit, hin zu fachlicher Bewertung, Validierung und Steuerung der Migration. Feldzuordnungen, Entscheidungen und Freigaben werden strukturierter dokumentiert und Projekte insgesamt besser steuerbar.

Fazit

Bewährte Vorgehensmodelle, klare Verantwortlichkeiten und eine auf Revisionssicherheit ausgelegte Governance bleiben die Grundlage jeder Bestandsmigration. KI-Werkzeuge können dort den größten Engpass adressieren, wo heute besonders viel Zeit und Expertenwissen gebunden wird: bei der Erschließung gewachsener Datenstrukturen und der Vorbereitung belastbarer Feldzuordnungen.

Versicherer, die KI-gestützte Analyse und Mapping-Unterstützung konsequent in ihre Migrationsprogramme integrieren, schaffen damit keine alternative Methodik, sondern stärken die bestehende. Strukturwissen wird besser verfügbar, Vorarbeiten werden beschleunigt und Fachbereiche können sich stärker auf Entscheidungen konzentrieren. Die dafür notwendigen Werkzeuge sind heute bereits verfügbar.


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Bild Alexander  Blattmann

Autor Alexander Blattmann

Alexander Blattmann arbeitet als Principal Consultant in der Business Line Insurance und leitet das Community of Practice Migration.

Bild Lars Stüber

Autor Lars Stüber

Lars Stüber arbeitet als Managing Consultant in der Business Line Insurance und verantwortet die Entwicklung von KI-Werkzeugen für Migrationsprojekte.

Kategorie:

Branchen

Schlagwörter:

Versicherungen