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Ich bin regelmäßig in Industrieunternehmen unterwegs und es gibt eine Szene, die ich immer wieder erlebe: Irgendwo im Betrieb öffnet jemand einen Aktenschrank, zieht einen Ordner heraus und blättert handschriftlich ausgefüllte Protokollbögen durch, um eine einzige Information zu finden. Manchmal dauert das Minuten. Manchmal findet man sie gar nicht.

Dabei lässt sich genau das ändern – ohne großes Transformationsprogramm, ohne überforderte Belegschaft und ohne dass jemand seinen Aktenordner in Schutz nehmen muss. Wie das geht, und was ich dabei in einem konkreten Shopfloor-Projekt gelernt habe, davon handelt dieser Beitrag.

„Das haben wir schon immer so gemacht“, „Wo kämen wir denn da hin?“, „Das hat Tradition!“ – und was es wirklich kostet

Ein Protokollbogen, handschriftlich ausgefüllt, abgeheftet, irgendwann vielleicht gescannt und dann nie wieder angeschaut. Dieser Ablauf ist in vielen Industrieunternehmen Alltag. Irgendwo im Betrieb stapeln sich gerade die Aufzeichnungen von Q3 2026: fein säuberlich abgeheftet, in einem Ordner mit der roten Aufschrift „WICHTIG". Darunter liegt „SEHR WICHTIG". Die Daten? Unauffindbar. Verwalten ist bekanntlich des Deutschen liebstes Steckenpferd.

Was nach bewährter Praxis klingt, ist in Wirklichkeit ein stiller Kostenfaktor. Fehlerhafte Abschriften, Formulare, die aussehen als seien sie mit einem Gabelstapler ausgefüllt worden, doppelte Datenhaltung und fehlende Rückverfolgbarkeit summieren sich täglich zu Ineffizienz – kaum direkt messbar, aber langfristig wettbewerbsgefährdend. Wer glaubt, mit dem Umstieg auf Excel-Listen dem Problem zu entkommen („Wir benutzen Excel, wir sind voll digitalisiert“), irrt sich. Tabellenkalkulationen ersetzen lediglich den Aktenordner durch eine Datei namens „Protokoll_final_v3_NEU_WIRKLICH_FINAL!!11.xlsx" – manuelles Eintippen, fehlende Versionskontrolle und isolierte Datensilos inklusive.

Hinzu kommen regulatorische Risiken: In Branchen wie Verteidigung, Logistik und Infrastruktur sind lückenlose Nachweise und Audit-Trails keine Option, sondern Pflicht. Papierbasierte Prozesse stoßen hier schnell an ihre Grenzen – und das ausgerechnet dann, wenn Verlässlichkeit am stärksten gefordert ist. Das wird spätestens zum Problem, wenn Unternehmen an Ausschreibungen teilnehmen und aufgrund veralteter Strukturen die Anforderungen potenzieller Kundschaft schlicht nicht mehr erfüllen können.

Gestalten oder überrollt werden? Automatisierung – Die ehrliche Seite

Meine persönliche Überzeugung: Die meisten Unternehmen unterschätzen den Handlungsdruck – nicht, weil sie ihn nicht spüren, sondern weil er sich schleichend aufbaut. Die Erntemaschine hat den Feldarbeiter ersetzt, das Fließband den Handwerker. Technologien wie OCR können die manuelle Dateneingabe am Bauteil ersetzen – was im konkreten Shopfloor-Einsatz am schnellsten funktioniert, zeigt sich erst in der Praxis. Der Unterschied liegt nicht im Ob, sondern im Wie und darin, ob Unternehmen diesen Wandel aktiv gestalten oder von ihm überrollt werden.

Was als einfache OCR-Lösung beginnt, legt die Basis für weitreichendere Agentic Automation: Sobald Daten strukturiert und digital vorliegen, können sie für Qualitätssicherung, Predictive Maintenance oder Management-Reporting genutzt werden. Laut Bitkom nutzen viele deutsche Industrieunternehmen bereits digitale Technologien – doch im Bereich operativer Datenerfassung klafft noch eine erhebliche Lücke. Genau dort entsteht der nächste Wettbewerbsvorteil: nicht durch große Systeme, sondern durch schlaue, mobile Einstiegslösungen.

Ein reales Projekt: Wenn industrielle Fertigung auf mobile Innovation trifft

Ein Projekt, das ich vor Kurzem begleitet habe, hat mich in einem Punkt besonders überrascht – nicht durch das, was funktioniert hat, sondern durch das, was wir bewusst aufgegeben haben.

Das Ziel war klar: eine native Android-App für den Shopfloor, die manuelle Formulararbeit überflüssig macht. Industrielle Bauteile und Paletten waren bereits mit NFC-Tags ausgestattet – die App sollte sich nahtlos an diese bestehende Infrastruktur anbinden, Tags direkt am Objekt lesen und beschreiben und alle Daten strukturiert sowie lückenlos rückverfolgbar ablegen. Für die Erfassung von Seriennummern hatten wir zusätzlich OCR integriert: Mehrere Kameraframes werden analysiert und konsolidiert, was die Erkennungsgenauigkeit auch bei schlechter Beleuchtung oder abgenutzten Gravuren erhöht. Technisch durchdacht, gut umgesetzt.

Dann kam das Feedback vom Shopfloor.

Die Mitarbeitenden tippten die Nummern schlicht schneller ein, als sie die Kamera richtig ausrichten konnten. Das OCR-Feature wurde daraufhin durch einen optimierten manuellen Eingabeprozess ersetzt.

Was mich daran fasziniert: Das ist kein Scheitern. Das ist konsequente Nutzerorientierung. Eine Technologie, die in der Theorie elegant klingt, kann im realen Einsatz von einem gut gestalteten Eingabefeld geschlagen werden und das lässt sich nicht am Schreibtisch vorausahnen. Dafür braucht man echtes Feedback von den Menschen, die täglich mit der App arbeiten.

Was am Ende entstand, war eine App, die sich auf dem Shopfloor selbstverständlich anfühlt: mit Barcode-Scanning über robuste Honeywell-Geräte, automatischem Audit-Logging für lückenlose Nachverfolgbarkeit und Haptik-Feedback für sicheres Arbeiten in lauten Umgebungen. Nicht weil wir alle Features auf einmal gebaut haben – sondern weil wir die richtigen behalten haben.

Mobile Digitalisierung ohne Revolution – der pragmatische Weg

Was dieses Projekt besonders auszeichnet, ist der bewusst inkrementelle Ansatz: Mobile Digitalisierung wurde nicht als großes Transformationsprogramm angekündigt, sondern als praktische Antwort auf konkrete Alltagsprobleme eingeführt. Das ist kein Zufall – das ist Methode.

Interner Widerstand gegen Digitalisierungsvorhaben entsteht häufig dort, wo Mitarbeitenden den Eindruck gewinnen, bewährte Prozesse sollen durch Unerprobtes ersetzt werden. Die berühmteste Gegenfrage lautet dann: „Hat das wirklich jemand getestet? Das funktioniert doch nicht mit diesem Internetz. Mein Aktenordner-System läuft seit 2009 einwandfrei." Die Antwort darauf ist nicht mehr Überzeugungsaufwand, sondern besseres Lösungsdesign: Anwendungen, die sich wie eine Verbesserung des Bekannten anfühlen – nicht wie eine Disruption.

Genau das unterscheidet kleine, agile Mobile-Lösungen von großen, monolithischen Systemen: die Fähigkeit, auf echtes Shopfloor-Feedback zu reagieren – schnell, ohne monatelange Change-Prozesse und ohne sechsstellige Anpassungskosten. Ein teures Einheitssystem hätte das OCR-Feature als „geliefert" abgehakt. Eine gute Mobile-Lösung fragt stattdessen: Funktioniert es wirklich für die Menschen, die täglich damit arbeiten?

Von der Prozessautomatisierung zur intelligenten Datennutzung

Was als pragmatische Mobile-Lösung beginnt, legt die Basis für weitreichendere Agentic Automation: Sobald Daten strukturiert und digital vorliegen – per NFC, Barcode oder optimiertem Eingabeprozess – können sie für Qualitätssicherung, Predictive Maintenance oder Management-Reporting genutzt werden. Laut Bitkom schöpfen nur sechs Prozent der deutschen Unternehmen das Potenzial ihrer Daten vollständig aus. Genau dort entsteht der nächste Wettbewerbsvorteil: nicht durch große Systeme, sondern durch schlaue, effiziente und kostengünstige mobile Einstiegslösungen.

Der Schritt vom Managed Service im Bereich Automatisierung zu einem vollständigen Data Driven Enterprise ist dann kein Quantensprung mehr, sondern eine logische Fortsetzung – auf einem Fundament, das mit der ersten digitalisierten Papierseite begann.

Fazit: Kleine Schritte, nachhaltige Wirkung

Mobile Digitalisierung in der Industrie muss weder teuer noch disruptiv sein. OCR-gestützte Apps, NFC-Integration und automatisiertes Audit-Logging zeigen, wie sich papierbasierte Prozesse schrittweise ablösen lassen – mit messbarem Nutzen und ohne vollständige Belegschaftsumschulung: Da der heutige Alltag ohne Smartphone ohnehin nicht zu bewältigen ist, bedarf es keiner großen Umstellung.

Das reale Praxisbeispiel belegt: Der Einstieg in mobile Digitalisierung gelingt am besten dort, wo der Schmerz am größten ist – und mit Lösungen, die sich von Anfang an selbstverständlich anfühlen. Manchmal reicht es schon, wenn die App schlicht schneller ist als Ordner Nummer 47.

adesso unterstützt Unternehmen aus Fertigung, Logistik und Infrastruktur auf dem Weg zur mobilen Digitalisierung – von der Prozessanalyse über native App-Entwicklung bis zur mobilen Strategieberatung. Die Kombination aus technischer Umsetzungsstärke und tiefem Branchenverständnis macht den Unterschied zwischen einer bloßen App und einer echten Lösung.


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Autor Jens Willkommen

Jens Willkommen ist Spezialist für mobile Softwareanwendungen mit Fokus auf Android und Android Automotive. Seit 2023 ist er bei der adesso Business Line Mobile Solutions tätig. Seine Schwerpunkte liegen in der Entwicklung nativer mobiler Anwendungen sowie in der Anpassung und Erweiterung von Android-Systemen für den Einsatz in Fahrzeugen. Darüber hinaus entwickelt er industrielle Anwendungen für mobile Endgeräte in den Bereichen Retail und Remote Support.

Kategorie:

Branchen

Schlagwörter:

Manufacturing Industry