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Menschen von oben fotografiert, die an einem Tisch sitzen.

Was wird bis jetzt gesagt?

Nicht nur der allgemeine Klimawandel zwingt Politik und Gesellschaft zum Umdenken, es sind auch geopolitische Konflikte, die schnell mehr energetische Unabhängigkeit erfordern.

Während Bundesfinanzminister Christian Lindner erst kürzlich die aktuell dringend benötigte Unabhängigkeit mittels erneuerbarer Energien wieder in den Fokus rückte und diese als „Freiheitsenergien“ (wohl auch durch Krisen wie die in der Ukraine bedingt) bezeichnete, äußerte sich Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck bereits Anfang des Jahres zur Zukunft von Wasserstoff: „Wir passen unsere Maßnahmen zum Markthochlauf der Wasserstofftechnologie an, um die Produktion an grünem Wasserstoff gegenüber den bisherigen Plänen zu verdoppeln. Hierfür werden wir die Nationale Wasserstoffstrategie noch in diesem Jahr überarbeiten und zusätzliche Förderprogramme auf den Weg bringen.“

Im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung heißt es dahingehend: „Neben dem Ausbau der Infrastruktur werden wir die Ziele zur Elektrolyseleistung deutlich erhöhen, europäische und internationale Klima- und Energiepartnerschaften für klimaneutralen Wasserstoff und seine Derivate auf Augenhöhe vorantreiben und Quoten für grünen Wasserstoff in der öffentlichen Beschaffung einführen, um Leitmärkte zu schaffen.“

Hierfür muss die Politik gesetzliche Grundlagen schaffen, aber auch finanzielle Anreize bieten. Die nächste Legislaturperiode ist dabei entscheidend für die globale Positionierung Deutschlands als Technologieführer in einer zukünftigen Wasserstoff-Marktwirtschaft. Nur so kann es gelingen, bis zum Jahr 2030 die für die industrielle Wettbewerbsfähigkeit Europas erforderlichen regulatorischen Rahmenbedingungen zu schaffen und die entscheidende Etappe für den Klimaschutz zurückzulegen.

Was muss kurz-, mittel- und langfristig durch die Politik umgesetzt werden?

Um sich als (technologischer) Vorreiter in der Branche zu etablieren, bedarf es verschiedener kurz-, mittel- und langfristiger Maßnahmen, die die ambitionierte Wettbewerbsposition der deutschen Industrie sicherstellen sollen. Allgemein fallen hierunter Planung und Skalierung benötigter Erzeugungs- und Speicherkapazitäten, geeigneter Infrastrukturen und Rahmenbedingungen.

Der nationale Wasserstoffrat, ein Gremium, bestehend aus Expertinnen und Experten der Branche, hat hierfür über 80 Maßnahmen formuliert, um einer erfolgreichen Marktdurchdringung den Weg zu ebnen. Diese unterteilen sich in die Sektoren „Erzeugung“, „Industrie“, „Mobilität“, „Wärme“, „Infrastruktur“, „Forschung und Entwicklung, Innovation und Bildung“ sowie „International“ und wurden entsprechend ihrer Dringlichkeit priorisiert. Diese Maßnahmen betreffen sowohl die Ebene der EU wie auch Deutschland selbst.

Schauen wir uns einige der kurzfristigen Maßnahmen für die Bereiche „Erzeugung“, „Industrie“, „Mobilität“ und „Wärme“ für Deutschland im Folgenden einmal genauer an:

1. Erzeugung
  • a. Blauer und türkiser Wasserstoff: Richtungsentscheidung als Brückenoption im Markthochlauf
  • b. Wasserstoffproduktion und -import: Zielgrößen setzen
  • c. Ausbau erneuerbarer Energien: Korridore erweitern
  • d. Förderungen: Konsequente Umsetzung der angekündigten Förderinstrumente
  • e. Haushaltsmittel für den Markthochlauf: Verlängerung und zeitliche Flexibilisierung erwirken
2. Industrie
  • a. Möglichst klimaneutraler Wasserstoff: Verfügbarmachung
  • b. Nachweis von Herkunft und Einsatz von Wasserstoff: Einführung einer Systematik zur Überprüfung
  • c. Wasserstoff zu den Kundinnen und Kunden bringen: Anbindung an vernetzte Infrastruktur
  • d. Wasserstoffbasierte Produktionsverfahren fördern: Anreizregulierungen schaffen
  • e. Planungssicherheit schaffen: Förderzusagen über Sondervermögen verbindlich machen (in Kombinierbarkeit mit EU-Förderprogrammen)
  • f. Leitmärkte etablieren: Staatliche Anreizsysteme
3. Mobilität
  • a. Infrastruktur schaffen: EU-weites Tankstellennetz etablieren
  • b. Technologieoptionen erproben: Pilotprojekte entlang der Wertschöpfungskette
4. Wärme

a. Technologieoffenheit bewahren: Technologische Vorfestlegungen bei Wegen der Dekarbonisierung vermeiden

b. Wärmemarkt analysieren: Technologiepfade evaluieren

5. Infrastruktur
  • a. Rechtliche Rahmenbedingungen schaffen: EnWG novellieren um Wasserstoff als Energieträger zu verorten
  • b. Finanzierung für Aufbau etablieren: Bezahlbare und stabile Entgelte für Transportkunden schaffen

Diese Aufstellung an kurzfristigen Maßnahmen stellt nur einen Bruchteil dar, für den in Deutschland nun die Politik am Zug ist, verlässliche Bedingungen zu schaffen, um die ambitionierten Ziele zu erreichen. Dazu kommen mittel- bis langfristige Maßnahmen, die ebenfalls nicht aus den Augen verloren werden dürfen und die eng mit den Verantwortlichkeiten auf EU-Ebene erarbeitet und abgestimmt werden müssen.

Offensichtlich ist jedenfalls, dass die Transition in eine Energiewelt mit Wasserstoff gerade aus kurzfristiger Sicht auch mit einer Menge Forschung und einem umfassenden Veränderungsmanagement einhergehen muss. Nicht zuletzt ist es neben der Industrie die Gesellschaft selbst, die den Wandel leben muss.

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Autor Julius Glaser

Julius Glaser ist Leiter des Themenschwerpunkts Wasserstoff bei adesso. Als Managing Consultant mit Fokus auf agilen wie auch klassischen Digitalisierungsprojekten in der Energiewirtschaft begleitet er seit vielen Jahren Unternehmen als Projektleiter, Berater und Coach.

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Autorin Zoe Holdt

Zoe Holdt ist als studentische Mitarbeiterin bei adesso tätig. Sie unterstützt die Entwicklung verschiedener Themenschwerpunkte im Bereich Utilities und begleitet bei Gelegenheit laufende Projektarbeiten.

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